FSK16 Faith Akin: Gegen die Wand

Der Gaukler
Faith Akin

Gegen die Wand







Der Film von Fatih Akin erzählt eine deutsche Geschichte. Eine neue deutsche Geschichte, die eigentlich gar nicht so neu ist, dennoch aber bis heute nie auf diese Art erzählt wurde. Höchste Zeit also. Worum es geht? Mhm...

...also: Cahit (Birol Ünel) ist am Arsch. Er arbeitet in einer Konzerthalle und sammelt dort die Gläser und Flaschen der Gäste ein, säuft, kokst und versinkt in Depressionen. Der vollbärtige ungepflegte (und kacksympathische) Charakter trägt seit dem Tod seiner Freundin einiges mit sich herum und versumpft regelrecht in seinem Heim. Dann fährt er ohne zu bremsen gegen die Wand und sprichwörtlich in den Film. In der Psychatrischen Abteilung des Krankenhauses lernt er Sibel (Sibel Kekillis) kennen, die gerade einen Selbstmordversuch (Pulsadern längs) hinter sich hat. Erste Frage: „Hey, du bist doch Türke? Willst du mich heiraten?“ Sibel hängt an ihrer Mutter, will aber raus aus der harten Obhut des Vaters und ihres gewalttätigen Bruders. Und bald ist die Scheiße am dampfen, denn nach einigem hin und her und einiger sehr blutiger Überzeugungsarbeit überredet Sibel Cahit sie zu heiraten. Aus dem Deal in einer Art Wohngemeinschaft zu leben und Sibel einige Arbeiten erledigen zu lassen, entstehen neue Probleme, vor allem für Cahit, der beginnt seine Fähigkeit zu Lieben wiedererlangt und auch dabei bleibt es nicht. Doch nun genug zum Inhalt.

„Gegen die Wand“ ist eine Liebesgeschichte, die sich sehen lassen kann. Sowohl erzählerisch als auch technisch. Eine gute Kamera und ein für deutsche Produktionen geradezu ungewöhnlich professionell genutztes Licht sorgen für einen guten Rahmen, indem Fatih Akin die Problematik des deutsch-türkischen Lebens in vielerlei Hinsicht aus der deutsch-türkischen Perspektive. Ohne Gnade aber auch nicht ohne seine schönen Momente kommt der Film daher, der auch durch seine erzählerische Länge überzeugt.
Geradezu absurd erscheint am Anfang eines jeden Aktes auftauchende Gruppe von Musikern, die vor Istanbuler Kulisse eine traurige Weise vortragen und ein interessantes Motiv im Film bilden. Überhaupt ist die Musikauswahl gelungen und s wird im Film auch gekonnt mit Sound gespielt: Auffällig oft, aber niemals zu aufdringlich werden zum Teil sehr lange Voice-Overs genutzt, was erstens dem Erzählrythmus zuträglich und zweitens sehr atmosphärisch ist.

Schauspielerisch überzeugen kann auch die gesamte Besetzung, vor allem Birol Ünel, der der Rolle des Cahit auf den Leib geschneidert erscheint (was umgekehrt vielleicht sogar der Fall sein könnte) und dem besonders der dreckige Anfang der Geschichte wirklich gut steht. Die besondere und von Bewunderung geprägte Beziehung zwischen dem Hauptdarsteller und dem Regisseur hat sich offensichtlich nur positiv auf das Ergebnis ausgewirkt und bei den ständigen Wutausbrüchen und Exerzitien darf man sicher auch davon ausgehen, dass Ünel ebenfalls seinen Spaß hatte.

Neben den diversen Nebenrollen muss man auch Sibel Kekilli großes Lob zukommen lassen, da sie besonders als „praktisch im Einkaufscenter gecastete“ Laienschauspielerin überzeugen kann und sich auch während des Drehs klar ersichtlich weiterentwickelt hat. So erscheinen einige wenige Dialog-Zeilen im ersten Teil des Films noch eher seltsam und amateurhaft (z.B. „Ja das bin ich“ vor dem Hochzeitstanz) doch spätestens ab der Instanbul-Phase wirkt Kekilli reifer, kontrollierter und professioneller, was sich schließlich auch gut in den Storyverlauf einreiht. Besonders beeindruckend ist wohl auch die Wandlung der Protagonistin vom rebellischen Opfer zur tragisch verzweifelten Heldin, die auch blutig geprügelt immer wieder aufsteht. Gezeichnet.

Gerade die Tragik der Protagonisten wirkt ehrlich und funktioniert, auch dank der gekonnten Erzähltechnik Akins, der für Buch wie Regie zuständig war und vor allem am Ende ein wunderbares Gefühl für ehrliche Tragik beweist. Ohnehin ist es wohl die Ehrlichkeit, die Offenheit, die „Gegen die Wand“ so sympathisch macht. Trotz der oft künstlichen und professionellen Ausleuchtung wirkt der Film stets authentisch. Er ist kein Ziegefingerstück, auch deshalb weil er von keinem Sozialarbeitertypen sondern eben von Fatih Akin gemacht wurde, jemandem dem man glaubt, dass er weiß wovon er erzählt und auch wie er es erzählt.



Zur DVD:
# sehr schöne, lohnenswerte Deleted Scenes, die optional in o-ton und mit Audiokommentar vom Regisseur auszuwählen sind und z.T. eine schöne Eigendynamik entwickeln und mit Kommentar einen guten Einblick in die Dreharbeiten und den gesamten Entstehungsprozess des Films geben
# dasselbe trifft auch für die zwei Bonusfilmchen zu, den einen, von einem Praktikanten gedrehten Making-of-Streifen mit sehr persönlichen „home-video“-Einblicken und zum zweiten ein amüsanter Dokumentar-Film über das Wort „Osman“.
# Tolles Interview mit einem sehr sympathsichen Regisseur.


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