FSK6 Lost In Translation - Eine Liebeserklärung

Der Gaukler
SPOILER
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Lost In Translation



„Welcome to Tokio International Airport“
Die Lichter einer Megacity ziehen vorbei. Leuchtreklamen zucken durch den leichten Regen. Refelxionen in der Autoscheibe und Bob Harris' (BILL MURRAY) vernarbtes und geläutertes Gesicht blickt mit uns in die Straßen von Tokio. Eine Stadt, die in sich selbst zu ertrinken scheint. Doch die Augen blinzeln nur müde und vereinsamt durch die Leuchtreklamen hindurch. Bob reibt sich die Augen aber aufgeweckt wird er nicht.
Ein großer Brontosaurus oder ein anderer Langhals trampelt auf einen großen Haufen geschäftig wuselnder Menschen zu. Sie bleiben unbeindruck. Nur eine mädchenhafte Gestalt mit ihrem transparenten Regenschirm steht beeindruckt und mit dem kindlichen Blick nach oben – halb neugierig, halb ängstlich – an einer Ampel. Um sie Menschen. Das Bild um Charlotte (SCARLETT JOHANSON) wirkt wie eine der tausend Dauerbelichtungsaufnahmen, in denen eine Person verloren zwischen vorbeiziehenden Lichtspuren, Schemen von Menschen, alleingelassen und verirrt steht. Aber das Bild bewegt sich. Es gibt keine Lichtspuren. Alles in Echtzeit und eben so schlägt Sofia Coppola („The Virgin Suicides“) mit einem hemmungslos bunten, strahlenden Realismus so leise zu, dass ich die Besinnung verliere ohne es zu merken und auch nach 97 Minuten nicht mehr aufwachen kann, vielleicht nicht will.

Bob ist ein erfolgreicher Schauspieler, er ist Vater, Ehemann. Er liebt seine Familie. Wirklich! Und das glaubt man ihm. Bob hat ein Leben: Seine Frau schickt ihm Teppichmuster und er vergisst den Geburtstag seines Sohnes. Bob ist einsam in Tokio, aber niemand spricht das aus. Sofia Coppola zeigt einen Mann, der sich zerlebt hat. Ohne Worte. Ohne Schnörkel und Pathos. Nur mit furchtbaren Bildern an der Bar und zwischen japanischen Managern, Talkshowmastern und Badeanimateuren, beim Kraulen im Swimmingpool und im Fitnessraum. Er nimmt es mit Zynismus (Glanzrolle für Bill Murray).

Charlotte hat studiert. Philosophie. Sonst weiß sie nichts. Sie ist verheiratet. Recht frisch. Ihr Mann ist Fotograf und ist jung. Charlotte ist einsam. Sie versucht es zu sagen, aber die Verbindung nach Hause ist schlecht. Wie im Traum stolpert und schwebt sie durch die Stadt, beobachtet und sucht. Was weiß man nicht, aber sie findet es weder bei ihrem Mann, noch in den Straßen oder Außenbezirken von Tokio. Sie findet es in der Bar.

Ein alltäglicher Blickwechsel im Fahrstuhl, ihr verzweifeltes Lächeln. Dann: Langweilige Blicke schweifen von einem Tisch voller grau-schriller Menschen durch den Raum und bleiben an ebensolchen hänge. Zwei, die sich langweilen, in ihrer Isolation Angst vor dem eigenen Inneren, vor der Selbstreflexion bekommen. Sie verbünden sich, ziehen durch die Straßen und singen Karaoke. Nichts hat Tokio verändert, aber es wird bunter, verliert seinen grauen Überzug. Bob und Charolotte hätten sich in ihrer Heimat nichts zu sagen. Jetzt fragt sie: „Does it get easier?“ und Bob sagt „No“. Aber als sie beide das sagen, spüren wir schon, dass sie es in diesem Moment viel einfacher haben, als je zuvor in ihrem Leben und wir wissen – wie Bob und Charlotte, dass es niemals wieder so sein wird.

Man liest, die beiden würden Freunde. Das ist die unbewusste Lüge verheirateter Feuilletonisten.
Die Geschichte erzählt von zwei Menschen, die sich verlieben. Auf die Weise, von der bald klar wird, dass sie die Beschaffenheit eines Eiszapfens hat: Fällt sie, zersplittert sie, fällt sie nicht, zerfließt sie in der sie umschließenden Hand. Sie ist in Nähe nicht konservierbar. Aber das zwischen Charlotte und Bob ist die schönste Form von Beziehung. In ihrer Zerbrechlichkeit entwickelt sie eine Ästethik, die über alle Formen von Liebe erhaben scheint. Aber die Ehrhabenheit der Ästethik in der Liebe scheint der Realität nicht standhalten zu können. Fragilität macht den Wert, in einer Welt die ihre Vergänglichkeit leugnen will, auf Zukunft und Vergangenheit gerichtet, das eigene Ich vergisst.

So geht auch diese Liebe, die weder zeitgemäß, noch gesellschaftsfähig, noch auf Sicherheit aus ist. Bob muss fort. Charlotte wird auch gehen müssen. Er lässt sie zurück, obwohl sie beide nicht mehr fort wollen, ewig in ihrer kleinen Dimensionsblase, auf ihrer gemeinsamen Insel verharren wollen. Er kennt die Welt länger als sie. Er muss gehen, bevor sie die Welt durch ihn kennenlernt.

Charlotte (oder ich?) bricht langsam aus der Trance und torkelt wieder einsam – vielleicht noch einsamer als je zuvor – durch die weiten und menschenvollen Straßenschluchten. Sie weint nicht. Ich hasse Sofia Coppolla, weil sie mir als Zuschauer nun vollendet in den Magen schlägt. Doch dann hält Bob seinen Taxifahrer an, springt ein letztes Mal aus dem Auto und umarmt sie. Charlotte weint. Ich mit ihr, aber das habe ich eh schon. Und Bob steht vor ihr und schaut sie an. Er küsst sie nicht. Er flüstert etwas in ihr Ohr und dann gehen die beiden auseinander. Auf der Rückfahrt zum Flughafen sieht alles anders aus. Dabei ist es immer noch Tokio und nach Hause will ich nicht. Aber Bob fährt.

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CD-i
und schon bekomme ich wieder lust auf den film *stöhn*

super, der erste Film auf SoS der direkt 2 Kritiken bekommt smile
Der Gaukler
is ja mehr ne ----- assoziation(?) zum film.
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